Review: Dr. Knarf – Wie ich flieg EP

asdaEs gibt Rapper, die bekommen viel Aufmerksamkeit von den Medien, man sieht sie überall, sie kündigen andauernd ihre Alben an, dann passiert aber nichts. Dann gibt es Rapper, die haben permanent Output, bringen Release für Release auf den Markt und erhalten dennoch wenig Präsenz in der Medienlandschaft. Von dieser zweiten Art Rapper mag es nicht so viele geben, aber der Kölner Dr. Knarf gehört definitiv zu dieser Sorte. Seit 2004 veröffentlichte Dr. Knarf neben diversen Samplerbeiträgen ein Streetalbum („Fickt Euch Alle“), sowie zwei Mixtapes auf Albumlänge („Tash“ 1 +2), ohne große Präsenz in der Presse erhalten zu haben. Für 2009 ist nun das erste richtige Soloalbum “H.K.I.C – KNIWOLUTION“ geplant, doch Dr. Knarf reicht dieses Album alleine nicht aus, sodass er vorher noch die „Wie ich flieg EP“ veröffentlicht. Die EP soll einen Vorgeschmack auf das Album geben und statt Mixtapematerial „echte Songs mit Inhalt und Action liefern“. Knarf, den man eigentlich nicht mehr als Newcomer bezeichnen kann, liefert sechs neue Songs sowie einen Remix zu dem Mixtapehit „Ich trink ne Milch“.

Angefangen mit dem Titeltrack „Wie ich flieg“ zeigt Knarf, dass auch ein Straßenrapper durchaus andere Themen, in diesem Fall Politik, bedienen kann. Viele neue Infos liefert dieser Song nicht; er beschreibt die Eskapaden von Schröder über Putin bis Kohl. Dennoch gefällt die Atmosphäre des Songs, gerade durch den Refrain der viel angedeutet, jedoch nichts definitiv ausdrückt:

„Ich will, dass die Welt sieht wie ich flieg/ und werde lachen wenn ich sitze auf meinem Thron/Wo ist meine Krone/ Nimm dein Geld ich will ins Paradies/ Die Erde langweilt mich / ich bitte um meinen Tod, Gott hol mich zu dir nach oben“

Insgesamt ein gelungener Song, der nicht pseudointellektuell rüberkommt, sondern sich mit besserwisserischen Aussagen zurückhält.

Auf „Tag für Tag“ findet Knarf zu seinen Wurzeln auf der Straße zurück; doch auch hier keine stumpfe Verherrlichung oder übertriebene Images. Stattdessen erzählt Knarf Stories aus seinem Umfeld, – den HKC Jungs – die sehr authentisch wirken. Knarf nimmt man ab, genug erlebt zu haben, und vor allem hat er auch das Talent, diese Geschichten zu erzählen. Auch die musikalische Unterlegung ist passend und gut gelungen.

„Rap Superstar“ ist die Single dieser EP, zu der auch ein Video gedreht wurde. Der Song erinnert ein bißchen an Curses “Rapgesetze”, nur aus der Sicht eines gierigen Plattenbosses, der einem jungen Rapper erklärt, was er zu tun hat, um Rap Superstar zu werden. Eine Persiflage auf die Gangstarap-Welle mit Majorlabel-Motor. Auch dieser Song erzählt nicht viel neues, doch das Konzept ist intelligent und passend umgesetzt.

„Acht Takte“ ist ein ruhigerer Song, in dem Knarf über seine Zeit als Rapper reflektiert.

„Über die Jahre änderte sich das Ziel für mich/ erst wollte ich miese Rapskills dann die deepsten Lyrics/ und jetzt hab ich beides, verdammte Scheiße/ die Szene machts mir leicht, labert doch jeder hier das gleiche“.

Hier muss ich Knarf zustimmen. Diese EP kombiniert qualitative Rapskills mit authentischen Geschichten. Eindrucksvoll, denn meistens findet man auf aktuellen Releases nur eine dieser Qualitäten.

„Ok“ ist nun doch noch ein klassischer Rapresent/Battle-Track. So einer darf natürlich nicht fehlen und als Ergänzung zu dem Rest der EP eine gelungene Abwechslung. Auf „Jagdsaison“ beweist Knarf abschließend noch seine Fähigkeiten, indem er die Anfangsbuchstaben des Alphabets durchrappt. Auch keine ganz neue Idee, findet man auch bei Banjo, Papoose oder Blackalicious, aber dennoch gut umgesetzt auf über 10 Minuten und einem starken Beat.

Der „Ich trink ne Milch Holiday Knarf Remix“ verpackt den Alkohol-Hit von Knarf noch einmal in einem treibenderen Beat, obwohl mir das Original etwas besser gefällt. Der Text des Songs nach wie vor lustig und bildet einen guten Abschluss dieser EP.

Fazit: Knarf ist bei weitem kein Newcomer. Seine Rapfähigkeiten sind perfekt ausgereift und an Stories mangelt es Knarf auch nicht. Wie er selbst schon ein Mal feststellte: „Was soll dir ein 18-Jähriger schon übers Leben erzählen?“. Knarf ist eben nicht mehr 18, aber seine Musik wirkt hungrig als hätte er erst gerade angefangen zu rappen, nur dass er Talent und Erlebtes perfekt zu kombinieren weiß. Ich habe lange kein derart eigenständiges Release mehr gehört, das so unabhängig von der Entwicklung der Rapszene funktioniert. Wer damals „Fuck You Buy Us“ von HKC gehört hat, der weiß, Knarf ist sich seitdem treu geblieben, hat keine kurzfristigen Trends mitgemacht, seine Musik ist nur einfach besser als damals. Einziges Manko dieser EP ist, dass die ganz große Überraschung ausbleibt. Ich bin sicher, dass Dr. Knarf sich die herausragenden Songs für sein kommendes Soloalbum aufgespart hat. Ein einzigartiges Feature, das es im deutschen Rap noch nicht gegeben hat, ist ja schon angekündigt; wir werden berichten. Insgesamt ist die EP eine klassisches Rap-CD ohne großen Schnickschnack mit gutem Flow, guten Themen und guten Beats. Im Mainstream wird Knarf, trotzdem oder eher gerade deswegen wohl nicht ankommen, aber ich bin überzeugt, dass er seinen Style dennoch nicht ändern wird und somit freu ich mich auf das Soloalbum.

9/10 Punkte

FC

One Response to “Review: Dr. Knarf – Wie ich flieg EP”

  1. Hamburg Hip Hop » Dr. Knarf – Interview  on August 18th, 2009

    [...] von Hamburg über Köln bis in die Schweiz, machte zuletzt mit der „Wie Ich Flieg EP“ (siehe Review) von sich hören. Das HKC-Mitglied bricht die Stereotypen im deutschen Rap mit qualitativer, [...]


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