Dr. Knarf – Interview
Dr. Knarf, bekannt von Hamburg über Köln bis in die Schweiz, machte zuletzt mit der „Wie Ich Flieg EP“ (siehe Review) von sich hören. Das HKC-Mitglied bricht die Stereotypen im deutschen Rap mit qualitativer, intelligenter Musik. Knarf hat es vom Knast bis in die Uni geschafft, und dennoch ist er Rapper mit ganzem Herzen geblieben. Wir trafen uns in entspannter Athmosphäre am Rheinufer in Köln und führten ein ausführliches Interview über Deutschrap, Politik, die Unterschiede zwischen Hamburg und Köln und nicht zuletzt Milch.
Hamburg Hip Hop: Du bist gerade frisch zurück aus der Schweiz, was hast du da gemacht?
Dr. Knarf: Wir sind da am Freitag auf der P-Jam in Grüsch aufgetreten, das ist in der nähe von Davos. Alles in allem hat mich die Atmosphäre in der Schweizer Hip-Hop-Szene sehr positiv überrascht. Alle Leute, die ich dort kennengelernt habe, waren extrem smooth drauf. Das hat mir das gleiche Gefühl gegeben wie auf den Hip-Hop-Jams vor 10, 15 Jahren in Deutschland. Obwohl ungefähr 500 Leute da waren, hatte das richtigen Jam-Charakter. Freitag und Samstag war da richtig Action mit Graffiti-Battle und dem ursprünglichem Hip-Hop-Gefühl. Die Leute waren positiv drauf und richtig relaxed. An der Grenze wurden wir vorher noch von der Polizei hochgenommen, aber trotzdem hatten wir unseren Spaß und haben die Leute richtig gerockt. Die Menschen dort haben noch etwas, was ich hier bei den Leuten häufig vermisse. Nämlich dass man sich mal öffnet und Respekt geben kann und haben nicht die ganze Zeit den Drang hat, das eigene Ego zu präsentieren und ins Rampenlicht zu rücken. Das ist etwas, was ich auch gerne mal mache und was mir dann ein gutes Gefühl gibt. In Deutschland hat man das Gefühl, die Leute posen lieber rum und tun halt lieber auf hart, weil denen das ein Sicherheitsgefühl gibt. In Wirklichkeit haben die meisten Leute echt Egoprobleme.
Hamburg Hip Hop: Fehlt dir in Deutschland der Hip-Hop-Bezug, also dass man Graffiti und DJing mehr einbezieht?
Dr. Knarf: Ich fände das geil, wenn man so richtige Hip-Hop-Veranstaltungen mit den vier Elementen weiterhin durchziehen könnte so wie damals. Das hat mir dort echt nen Flash gegeben. Guck mal: Jeder geht zu dem B-Boy-Battle hin, auch jeder Rapper steht dabei und kann auch mal vergessen, dass er selber der Geilste und Coolste ist. Das sind wir ja alle. Du und ich wir sind letzten Endes alle die Geilsten und die Coolsten. Dort wird dann aber einfach die Energie in die Mitte gelenkt. Beim B-Boying ist das ja auch ne Sache die von vornherein so aufgebaut ist. Da bildet man einen Kreis und alle stehen drumherum und das ist dann echt so etwas mystisches, wie so ein Hexenzirkel. Man spürt es aber auch wirklich wenn man dabei ist und das ist etwas, was mich unglaublich pusht. Wenn einer einen geilen Move macht geben alle Respekt und geben ihre Energie in den Kreis und das gleiche flasht mich auch bei der Mukke. Das hat mich an dem Wochenende auch so motiviert. Das ist so ähnlich wie bei uns bei der HKC-Geschichte. Das flasht mich auch total, weil man da was Gemeinsames macht und es einen künstlerischen Austausch gibt. Dann kann man auch einfach sagen: Mann, die Line von dem ist jetzt einfach geil. Ich sehe das dann als freundschaftliche Konkurrenz und kann einfach sagen: Derbe! Genauso wenn ein Kollege von mir nen dicken Beat gemacht hat, dann ist das ein geiles Gefühl für mich, ihm Respekt zu zeigen. Und dieses Respektding ist einfach verloren gegangen. Ich würde cool finden, wenn das zurückkommen würde. Ich muss nicht unbedingt auf jeder Veranstaltung vier Elemente haben, aber vor allem fehlen mir die Offenheit und der Respekt.
Hamburg Hip Hop: Meistens läuft es mit neuen Acts ja so, dass sie in die Szene kommen und sagen: Ich bin der Derbste, alle anderen sind Opfer. Wie ist das bei dir? Hörst du dir viel von der Musik aus der Szene an, auch wenn die nicht aus deinem Umfeld ist und kannst du da dann auch die Offenheit entgegenbringen und sagen der Track ist cool oder der Künstler ist cool?
Dr. Knarf: Ich muss dir ehrlich sagen mit den Jahren und dem Alter werde ich immer offener und mein Horizont erweitert sich. Ich zieh mir auf jeden Fall viele Sachen rein, aber ich mach das eher um zu gucken was angesagt ist und was die Leute gerade rausbringen, also eher weil mich die Materie interessiert. Es gibt wenige Sachen, die die Leute rausbringen, die ich dann auch mit nach Hause nehme und dann auch zu Hause höre. Aber es gibt das definitiv, vor allem bei Konzepten, dass ich mir denke, das ist eine gute Idee gewesen.
Hamburg Hip Hop: Bei HKC hatte ich häufig das Gefühl, dass es dafür, dass ihr solange dabei seid, wenig Connections zur klassischen Hip-Hop-Szene gibt. Ergibt sich das so oder sagt ihr euch bewusst: Wir fahren unseren eigenen Film und der Rest interessiert uns nicht?
Dr. Knarf: Ich glaube das hat auch was mit der Geschichte der Hip-Hop-Szenen von Köln und Hamburg zu tun. Wir haben damals einfach immer gefrontet. Wir sind damals überall hingefahren wo es Open Mic Sessions oder Competitions gab. Wir haben damals die ganze Zeit an unseren Skills gefeilt und viel Zeit mit Freestylen verbacht. Und dann haben wir auch echt immer gut unsere Eier raushängen lassen. Dadurch haben wir uns nicht unbedingt Freunde gemacht, auch hier in Köln. Wir waren einfach respektlos und haben die Leute verarscht. Aber am Mikrofon, wir haben nicht versucht irgendeinen sinnlosen Stress anzufangen, aber wir haben die herausgefordert und uns echt unbeliebt gemacht. Sowohl in Hamburg als auch Köln. Und die Leute, die damals in der Szene waren und heute irgendwelche A&Rs sind oder bei irgendwelchen Bookingagenturen arbeiten, die kennen dann die Namen von früher und das stößt denen dann mitunter übel auf.
Hamburg Hip Hop: Wie verträgt sich das dann mit dem gegenseitigem Respekt geben, wenn du selber sagst, wir haben damals viel gefrontet?
Dr. Knarf: Wenn ich jetzt bei so einer Veranstaltung ans Microphon gehe, Open Mics gibt es ja leider fast nicht mehr. Aber wenn ich fronte, dann sage ich aber auch nicht „Du bist ein Hurensohn“ oder irgendwas persönliches, sondern dann gehe ich auf die Raps ein. Lächerlich machen gehört zwar dazu, aber es geht mir gar nicht um die Person an sich. Das ist halt ein Konkurrenz-Ding. Rap ist halt Competition. Dadurch wird aber meiner Meinung nach das Endprodukt besser. Das Problem dabei ist, dass viele Leute, wenn man sie beim Freestylen fertig macht – und zwar so, dass andere lachen und man dabei gute Flows und so hat – dann nehmen das manche Leute sehr persönlich. Also, ich habe ja auch bei manchen Freestyle-Battles verloren, aber es ist danach dann trotzdem so, dass ich mit den Leuten ein Bier trinken kann. Mir ist der Flash in dem Augenblick wichtiger und der Rap an sich wichtiger. Mir geht es nicht darum, Leute fertig zu machen oder Streit mit Leuten zu bekommen.
Hamburg Hip Hop: Also haben die Leute eine falsche Einstellung und sehen solche Situationen zu verkrampft, während du Competition im Rap eher sportlich siehst?
Dr. Knarf: Ja definitiv, aber abgesehen davon kann ich auch sagen, dass ich mittlerweile ruhiger und lebenserfahrener geworden. Früher war ich halt ein bisschen wilder und obwohl mir Respekt damals genauso wichtig war wie heute, habe ich echt meine Grenzen ausgetestet. Da kann ich auch verstehen, dass sich einige Leute auf die Füße getreten gefühlt haben.
Hamburg Hip Hop: Gibt es denn Features, wo du sagst, die möchte ich unbedingt noch mal machen, auch wenn du diese Person gar nicht aus deinem Lager ist?
Dr. Knarf: Ob es sowas generell gibt?
Hamburg Hip Hop: Ja.
Dr. Knarf: Eher selten. Das entsteht bei mir meistens durch freundschaftliche Connections.
Hamburg Hip Hop: Und umgekehrt? Würdest du nen Freund featuren, wenn er nicht gut rappt?
Dr. Knarf: Ja auf jeden Fall, definitiv. Das ist bei mir das Ding, wenn ich mit jemandem persönlich nicht klar komme und der rappt geil, dann würde ich trotzdem keinen Track mit dem machen. Ich habe früher auch mal amateurhaft Graffiti gemacht und damals war es so, dass ich vor jemandem Respekt hatte, wenn er ein dickes Bild gemalt hat oder nen Zug gesprüht hat. Oder wenn jemanden ne gute Line gerappt hat, habe ich ihm dafür Respekt gegeben. Heute ist das ganz anders: für sowas gebe ich überhaupt keinen Respekt mehr. Klar, du kriegst meine Anerkennung dafür, aber respektieren kann ich Leute nur aufgrund von ihrer Persönlichkeit. Ich finds derbe wenn jemand nen Wholecar malt, aber das kann trotzdem nen Wichser sein und wenn du ein Arschloch bist, dann kriegst du von mir keinen Respekt.
Hamburg Hip Hop: Du hast ja schon beschrieben, dass du dir viel deutsche Musik anhörst, um zu sehen, was die Szene so treibt. Gibt es denn Alben oder Songs aus Deutschland aus der letzten Zeit die du gut fandest und die dir auch langfristig gefallen?
Dr. Knarf: (Überlegt lange) Eher nicht. Die meisten Sachen kann ich einfach nicht mit nach Hause nehmen. Es kommt öfters vor, dass ich denke das ist cool, das hat seine Berechtigung oder das ist innovativ, aber die meisten Sachen berühren mich persönlich nicht. Es gibt halt diese große, und mittlerweile an Bedeutung verlierende Gangstarap-Welle im deutschen Hip Hop. Das Problem dabei ist, das wurde ja schon 1000 mal durchgekaut. Die Leute denken sich die meisten Geschichten aus und es ist überhaupt nicht authentisch. Der Inhalt der Musik dient letztendlich nur dazu, die Produkte an den Mann zu bringen und sich auf dem Markt zu platzieren. Und diese andere Elektro,- Spass,- Sauf,- Party-Richtung kann ich auch nicht so richtig feiern, denn die verstärkt nur diesen Infantilisierungsprozess, in dem sich die Gesellschaft befindet und da möchte ich nicht zu beitragen. Ich finde es cool, wenn Leute das machen und diese Mallorcarap-Nummer hat auf jeden Fall ihre Berechtigung, aber mir persönlich bringt das nichts und müllt meinen Kopf eher zu. Diesen Müll will ich dann nicht mit nach Hause nehmen, weil dann kann ich auch den Fernseher anmachen, da gibt es genug Müll für mein Gehirn.
Hamburg Hip Hop: Bei „Rapsuperstar“ sprichst du ja diese Gangstarap-Richtung an, aus der Perspektive eines A&Rs, der Rapper castet. Als ich mir deine Biographie durchgelesen habe, dachte ich mir, du könntest diese Gangstarapwelle ja auch für dich ausschlachten, indem du deine Knastvergangenheit in den Mittelpunkt rückst und auch diese Einstellung und dieses Image vertrittst. Warum machst du das nicht?
Dr. Knarf: Weil ich denke, dass ich mich da unter Wert verkaufen würde. Ich habe ganz andere Ideen und Konzepte. Auf dem einen Streettape, das ich gemacht habe, nachdem ich aus dem Knast herausgekommen bin, habe ich das alles schon verarbeitet. Wenn ich das noch mehr ausschlachten würde, dann würde ich mich einfach wiederholen und ich möchte keine Songs zweimal schreiben. Das ist auch mein Anspruch, denn sonst würde mir die Musik langweilig werden. Deshalb bin ich immer wieder auf der Suche nach neuen inhaltlichen Konzepten. Insofern würde ich mich sonst einfach reduzieren und es den Leuten einfach machen, mich in eine Schublade zu stecken. Ich meine ich bin zwar im Knast gewesen und ich habe auch ein gewisses Umfeld und eine gewisse Vergangenheit aber darauf möchte ich mich nicht beschränken, denn ich habe ganz andere Interessen und Gedanken.
Hamburg Hip Hop: Und auch ein großer Vorschuss kann dich da nicht locken?
Dr. Knarf: Wenn jetzt jemand mit nem Vorschuss auf mich zu käme, dann würde ich mich dafür nicht in ein Image pressen lassen, aber natürlich würde ich darüber nachdenken auf ein Label zu gehen. Aber es wird auch niemand mit nem Vorschuss auf mich zukommen, das ist einfach Illusion. Ich verschicke auf keine Demos, denn ich will mir eigentlich lieber alles selbst erarbeiten, weil das möglich ist und so groß ist Deutschland auch nicht. Man muss dann zwar selber Kohle reinstecken und sich sein Netzwerk selber aufbauen, sowohl kreativ als auch organisatorisch. Dabei ist bei mir aber auch der Anspruch: Ich arbeite nur mit Leuten zusammen, mit denen ich auch cool bin, mit denen ich mich gut verstehe und die letztendlich auch meine Freunde sind. Ich will nicht, dass irgendwelche Wichser an meiner Musik Geld verdienen. Irgendwelche Vertriebtypen oder Labeltypen, die an meiner Kreativität dann mitverdienen.
Hamburg Hip Hop: Und wie bringt ihr das dann raus?
Dr. Knarf: Das ist Eigenregie. Wir bringen das über Grooveattack raus, die machen den Vertrieb. Finetunes übernimmt den Digitalvertrieb und es kommt auf ELE raus, das ist mein Label und das sind alles Kumpels mit denen wir das hochziehen.
Hamburg Hip Hop: Was wird uns bei deinem Album erwarten, im Vergleich zur EP?
Dr. Knarf: Die EP verdeutlicht von der Soundqualität und der Trackauswahl, in welche Richtung das Album geht. Das ist ein anderes Level als bei den Mixtapes, aber trotzdem wird das Album noch ein bisschen anders sein als die EP. Vor allem inhaltlich ist das noch eine Steigerung. Da sind noch mehr Konzepte und das ganze wird noch etwas surrealer. Insgesamt auf jeden Fall raporientiert, aber auch viel Inhalt. Es wird ein unglaubliches Feature geben, das muss aber noch geheim gehalten werden, aber es wird ein Künstler sein, mit dem noch kein deutscher Hip Hopper zusammen gearbeitet hat.
Hamburg Hip Hop: Kommen wir noch mal zu deiner EP. In einem älteren Interview sagst du, dass du kein politischer Rapper bist, da du keine Songs schreiben willst, die wie die Tagesschau sind. Das Interview war schon etwas älter. Als ich deinen „Wie ich flieg“-Song gehört habe, kam mir das aber doch etwas wie eine komprimierte, zugespitzte Tagesschau-Sendung vor, die bestimmte Themenbereiche in den Mittelpunkt stellt, die sonst nicht so präsent sind. Hat sich deine Einstellung geändert und begreifst du dich doch etwas mehr als politischen Rapper?
Dr. Knarf: (Lacht) Also ich seh mich nach wie vor nicht als politischen Rapper. Ich bin da nicht vom Fach, habe keine Politik studiert oder so. Aber ich beschäftige mich mit tagespolitischen Dingen, lese Zeitung, aber ich sehe mich nicht als politischen Rapper. Wenn sich jemand, der von Politik richtig Ahnung hat, mit meinen Texten auseinandersetzen würde, dann denke ich würde er da viele Fehler finden. Ich kann halt nur meine beschränkte Sicht der Dinge wiedergeben und ich denke, dass gesellschaftlich und politisch einige Dinge schief laufen. Ich finde es schade, dass die meisten Leute sich einfach nur über Geld Gedanken machen. Das ist natürlich essentiell, jeder muss sein Geld verdienen, aber es wird einfach zu wenig kritisch über die Dinge nachgedacht, die in unserem Land passieren. Von den Medien wird das auch nicht begünstigt, da wird auch lieber auf die Zuschauerzahlen geschaut. Ich habe Michael Jackson wirklich gefeiert, das ist der größte Popkünstler unserer Zeit. Aber darüber wird dann lieber berichtet und da wird auch diese Doppelmoral wieder sichtbar. Ob er nun Kinderficker war oder nicht, weiß keiner, er wurde ja nie verurteilt. Aber die Medien haben das so dargestellt, als ob er es war und haben ihn absolut gebrandmarkt in den letzten Jahren und dadurch ihre Zuschauerzahlen generiert. Jetzt ist er tot und auf einmal huldigen ihn alle und jetzt generieren sie ihre Zuschauerzahlen dadurch, dass sie ihm Respekt geben und dass sie ihn feiern. Das ist unehrlich und verlogen. Das ist einfach ein Geschäft, scheißegal worum es geht, Hauptsache die Massen sind da, die Toten sind da, die Verkaufszahlen sind da, dann schreiben wir egal was und es ist inhaltlich vollkommen egal was wir schreiben.
Hamburg Hip Hop: Wenn du von unkritischen Medien redest, gibt es denn Quellen, wo du dir deine Infos besorgst, die du empfehlen kannst?
Dr. Knarf: Ich kann auf jeden Fall Foreignpolicy.com empfehlen. Da kann man sich aus ausländischer Sicht mal reinziehen, was Deutschland so außenpolitisch treibt und das nimmt mittlerweile zum Teil faschistoide Züge an. Wie gesagt, dieses öffentliche Interesse wird von den Medien generiert und ich will nicht sagen, dass die Medien an allem Schuld sind. Ich denke nur, dass die Medien mehr Verantwortung tragen könnten, das ist etwas das ich mir wünschen würde.
Hamburg Hip Hop: Gehst du trotz dieser Frustration über Politik noch wählen, oder hälst du dich da ganz raus?
Dr. Knarf: Nein, ich geh nicht wählen. Mittlerweile kannst du nicht mal mehr ungültig wählen. Also wie soll ich meinem Protest Ausdruck verleihen. Ich kann meinem Protest nicht Ausdruck verleihen, indem ich jetzt schwarz, rot, grün oder gelb wähle, denn das ist nicht die Auswahl die ich mir wünsche. Wenn ich für mich versuche, das kleinste Übel zu wählen und die Parteien durchgehe, dann merke ich, das sind nicht meine Interessen, die da vertreten werden, überhaupt nicht. Also das ist für mich die einzige Möglichkeit meinem Protest dann Ausdruck zu verleihen und durch die Musik versuch ich zumindest Leute anzuregen über die Sachen anders nachzudenken oder überhaupt nachzudenken. Ich habe neulich gelesen, dass der letzte Lehrstuhl der Kritischen Theorie in Tübingen dicht gemacht wurde. Und mit dem Professor, der bald in Rente geht, habe ich ein Interview gehört, in dem er meinte: die einzigen Fragen die meine Studenten mir stellen, sind: Wieviele Credit Points bekomme ich für die Vorlesung? Wo kann ich die Folien runterladen? Die Leute lernen auch nicht mehr, sich ein Thema wissenschaftlich zu erarbeiten und darüber nachzudenken. Da muss man sich auch nicht wundern woher das kommt, das wird alles total verschult. Du lernst nur noch zu reproduzieren. Das ist wie Schule. Also ich habe mir unter Studieren etwas ganz anderes vorgestellt. Aber die Intention ist, die Leute ganz schnell durchzuziehen und sie verwertbar zu machen, sie als potentielle Arbeitskraft auf den Markt zu schmeißen. Ich weiß nicht wer davon profitieren soll, die Leute profitieren davon nicht. Ich habe mittlerweile auch eine ganz andere Einstellung zum Studieren.
Hamburg Hip Hop: Was studierst du ?
Dr. Knarf: BWL.
Hamburg Hip Hop: Du sprachst ja gerade schon über kritische Theorie, ich glaube, das ist mir in einem Hip-Hop-Interview noch nie begegnet, beschäftigst du dich viel mit Themen, die auf einem solchen Niveau laufen?
Dr. Knarf: (Lacht) Ja auf jeden Fall ich beschäftige mich in meiner Freizeit viel mit solchen Themen, auch soziologischen Themen. Zuletzt habe ich über viel über neuronale Prägung gelesen. Das sind nervliche Prägungen, die wir durch die Mechanismen unserer Gesellschaft durchmachen. Da merkt man, dass unsere Gesellschaft vollkommen willkürlich funktioniert und die meisten Leute denken, dass es so sein muss, dass es nicht anders sein kann. Und das denk ich nicht. Allein so banale Sachen wie Moral, damals im alten Ägypten musste der Pharao seine Schwester heiraten, das war nichts Ungewöhnliches. Heutzutage sind wir ja alle aufgeklärt und die Religion kann uns nichts mehr erzählen. Aber was anständig ist und was nicht, dass findet man immer noch in der Moral und die Moral ist also das Andenken, das uns die Religion hinterlassen hat. Und das stellen wir nicht in Frage. Heutzutage ist es nicht denkbar, dass Merkel ihren Bruder heiratet, das brauchst du keinem zu erklären. Das meine ich mit neuronal, das ist instinktiv, das ist geprägt. Wie wenn man das Gehirnbild als Computer nimmt, das ist halt ne Software die gelöscht werden kann oder auch umprogrammiert werden kann.
Hamburg Hip Hop: Springen wir mal wieder etwas zurück zu deiner Musik, es gibt eine Frage, die mich – und wahrscheinlich jeden unserer Leser – brennend interessiert: Hast du dir schon mal im Club ne Milch bestellt?
Dr. Knarf: (Lacht) Nur diese Milch 43. Ansonsten noch nicht, aber ich geh auch nicht mehr soviel feiern, seitdem ich jetzt ein Label habe. Wenn ich feiern gehe, artet das bei mir auch immer aus. Dann ist gleich soviel Geld weg und am nächsten Tag denke ich mir: Oh Mann, hätte ich dafür doch lieber ne Grafik machen lassen oder Aufkleber gedruckt.
Hamburg Hip Hop: Also ist von dir keine Clubmusik mehr zu erwarten.
Dr. Knarf: Doch, es gibt auf jeden Fall auch Partytracks von mir. Definitiv. Es ist auch nicht so, dass ich gar nicht feiern gehe, aber das hat sich bei mir in den letzten Jahren schon stark geändert. Wo ich im Knast war, habe ich echt über viele Sachen nachgedacht und jede Minute ist echt kostbar, jeder Augenblick ist echt kostbar. Zeitverschwendung macht man so viel und so unbewusst.
Hamburg Hip Hop: Vom Knast zum BWL-Studium ist ja auch nicht der übliche Bildungsweg. Im Knast ist man ja gesellschaftlich erstmal komplett ausgeschlossen. War das hart für dich, da wieder auf den Weg zurück zu kommen?
Dr. Knarf: Nee, ich war ja zum Glück nur ein halbes Jahr weg. Ich denke, wenn man länger als ein Jahr weg ist, dann ist das schon problematisch. Das ist halt ein eigener Mikrokosmos, so wie Militär oder wie wenn du im Krankenhaus liegst und dir beide Arme und Beine gebrochen hast. Du bist dann mit Leuten umgeben, mit denen du eigentlich nicht zusammen sein willst, in einer Umgebung, in der du nicht sein willst, und da musst du erstmal zurechtkommen.
Hamburg Hip Hop: Hat sich das auf deine Wahrnehmung ausgewirkt? Du meintest ja eben, dass man gesellschaftlich stark geprägt ist, hast du da Erkenntnisse gewonnen, die dich verändert haben?
Dr. Knarf: Ja, das hat mich derbe nachhaltig verändert. Bevor ich in den Knast gegangen bin, habe ich gar keine Notwendigkeit dafür gesehen, dass ich mein Abitur mache. Ich habe davor meine Schule abgebrochen und danach hatte ich einfach Bock drauf das zu machen. Nicht, um den Richtern zu zeigen, dass ich wieder resozialisiert bin, sondern auch weil ich viele Leute getroffen habe, mit denen ich damals zu Schule gegangen bin, die alle Abi gemacht haben. Und das waren nicht unbedingt helle Köpfe. Die haben alle studiert und dann war das auch so ne Selbstbestätigung, dass ich das einfach auch kann.
Hamburg Hip Hop: Versuchst du durch dein Studium irgendwann weg von Hip Hop zu kommen und dich verwertbar zu machen und gutes Geld zu verdienen oder machst du das eher aus dem Hintergrund zu lernen, wie das Business funktioniert, um dann mit deinem Label durchzustarten?
Dr. Knarf: Eher in die Richtung mein eigenes Ding aufzubauen, ich möchte halt nicht irgendjemand anderem den Arsch vergolden. Das ist ja immer das Problem, wenn du nen Job hast, dann arbeitest du für jemanden, den lernst du niemals kennen. Der fährt dann in ner schwarzen Limousine rum und du fährst mit dem Bus nach Hause.
Hamburg Hip Hop: Du fällst ja nicht durch PR-Moves auf, also durch Disstracks oder ähnliches. Bist du zufrieden mit dem Status den du bisher erreicht hast, oder ist das auch frustrierend, hart zu arbeiten und eher wenig Aufmerksamkeit zu bekommen?
Dr. Knarf: Was heißt zufrieden. Mein Status in der deutschen Rapszene ist jetzt nicht so besonders hoch, aber ich weiß, wer ich selbst bin und ich weiß, was ich kann. Auch wenn ich jetzt nicht so viele CDs verkaufe, weiß ich trotzdem, was ich drauf habe. Viele Leute, die meine Musik hören, betrachten die auch viel zu einfach. Meine Musik ist, was Bedeutungsebenen, Wortspiele und Phonetik angeht, wesentlich vielschichtiger als man auf den ersten Blick mitbekommt.
Hamburg Hip Hop: Was bei deiner Musik auffällt ist, dass du Straßenkredibilität mit guter Raptechnik kombinierst, das ist im deutschen Rap ja eher selten. Was ist dir wichtiger: ein guter Flow oder eine authentische Story?
Dr. Knarf: Das ist beides gleich wichtig. Ich habe ja auch Songs, die abstrakte Konzepte sind, wo nicht eine Situation eins zu eins wiedergegeben wird.
Hamburg Hip Hop: Wie sieht es denn bei HKC aus, damals habt ihr ja schon ne sehr eigene neuartige Richtung in Hamburg aber auch Deutschland präsentiert. Wie kam es dazu, dass nach dem ersten Tape nicht weiter nachgelegt wurde?
Dr. Knarf: Das Problem ist, dass wir halt viele Leute sind. Zuerst waren Stik und Jubi von Redlord für anderthalb Jahre in Brooklyn in New York im Knast. Das sind anderthalb Jahre die dann einfach weg sind. Dann saß Babalou von Cartel für fast fünf Jahre im Knast, der ist erst letztes Jahr wieder rausgekommen. Wenn man als Crew Musik macht und das wie bei uns auf einer freundschaftlichen Ebene läuft, dann will man auch mit allen Leuten Musik machen.
Hamburg Hip Hop: Wird das HKC-Album in der alten Formation erscheinen?
Dr. Knarf: Es hat sich ein wenig was verändert zur ganz alten Formation, aber wir sind auf jeden Fall 15 MCs, die auf Deutsch, Spanisch, Französisch, Englisch und Arabisch rappen. Das Release ist für Ende des Jahres geplant.
Hamburg Hip Hop: Als ich mir das erste Tape in einem bekannten Hamburger Hip-Hop-Laden besorgt habe, wurde ich etwas schief angeguckt und mir wurde gesagt, Hamburg sei ja Eimsbush und so ein Tape könnte man eigentlich gar nicht kaufen. Habt ihr euch damals als Gegenbewegung zur Eimsbush-Klicke verstanden?
Dr. Knarf: Ja, definitiv. Wir sind auch eine Gegenbewegung. Man sieht ja… (fängt an zu lachen) Eimsbush hat dicht gemacht, HKC gibt es immer noch.
Hamburg Hip Hop: HKC geht ja schon eher in die Gangstarap-Richtung, wie unterscheidet ihr euch von anderen Straßenrappern oder Gangstarappern?
Dr. Knarf: Ich denke, dass wir alle was im Kopf haben und auch sehr individuelle Charaktere sind. Jeder von uns rappt in einem anderen Flow. Wir haben alle unterschiedliche Stimmen und das wollen wir auch nicht angleichen. In den meisten Crews ist das so, dass es da das Zugpferd gibt und die anderen orientieren sich von der Stimme und dem Flow an dem Zugpferd. Bei uns ist das nicht so. Das ist auch schwierig alle Jungs unter einen Hut zu kriegen, weil wir 15 Leute sind, die alle Riesenegos haben. Aber das macht es am Ende auch so interessant. Beispielsweise entstehen dann Tracks, wo wir 15 Parts am Stück haben ohne Hook, aber es wird einfach nicht langweilig, weil es die ganze Zeit was anderes ist. Natürlich rühm ich mich jetzt ein bisschen damit, aber da würde ich mir den Wu-Tang-Vergleich gefallen lassen. Da gab es einfach rohe Energie, jeder mit einem anderen Flow, aber jeder hat an seinem Flow gefeilt. So ist das bei uns auch und das merkt man dann, wenn man die Tracks schreibt. Dann kommt der andere mit etwas komplett anderem und du denkst dir, „scheisse, geil“. Und das motiviert einen dann und man will selber noch einen drauflegen.
Hamburg Hip Hop: Du kennst ja jetzt sowohl Hamburg als auch Köln, was gefällt dir an der jeweiligen Stadt und was findest du bei der anderen besser?
Dr. Knarf: In Hamburg sind die Leute von Natur aus ziemlich arrogant, wenn man das so verallgemeinern will, also Hamburg ist schon eine arrogante Stadt. Das Klischee trifft da schon ein bisschen zu. Wenn man die Leute kennenlernt sind sie zunächst nicht so offen, aber wenn man jemanden gefunden hat, mit dem man befreundet ist, dann kann man sich auch richtig auf die Leute verlassen. In Köln ist das so, dass du sofort jemanden kennenlernst, wenn du abends weg gehst. Du kannst ohne Probleme abends alleine weg gehen, du lernst sofort Leute kennen, aber das ist dann viel oberflächlicher. Das merkst du auch, wenn du durch die Stadt gehst, in Köln sind viel mehr Leute auf Anabolika als in Hamburg und alle sind sehr stark aufs Aussehen fokussiert. Auch die Typen gehen unter die Sonnenbank und haben die Augenbrauen gezupft.
Hamburg Hip Hop: Was sind denn die besten Orte in Hamburg und Köln?
Dr. Knarf: In Köln natürlich Nippes und in Hamburg Eimsbüttel, aber es gibt viele coole Orte in beiden Städten.
Hamburg Hip Hop: Was waren die letzten fünf Alben, die du gefeiert hast?
Dr. Knarf: (überlegt lange) „LAX“ von The Game, das Eminem-Album ist super, ich flash derbe auf Graf, auch wenn der noch kein Album draußen hat, aber das Mixtape „Oracle Part 2“ fand ich zuletzt hammer. Und das letzte Michael-Jackson-Album „Unbreakable“. (Lacht) Das waren jetzt vier, aber mehr fallen mir gerade nicht ein.
Hamburg Hip Hop: Eine Frage haben wir regelmäßig in den Interviews und zwar: Auf welche Frage wartest du bei einem Interview, dass sie dir endlich mal gestellt wird?
Dr. Knarf: (Lacht) Was ich mal geil fände, wäre, wenn man mal eine richtige Diskussion organisiert. Ich würde gerne mal über gesellschaftliche und soziale Themen mit einem Interviewpartner ausführlich diskutieren.
Hamburg Hip Hop: Hast du noch letzte Worte?
Dr. Knarf: Checkt meine EP aus, checkt meine Tracks aus, schaltet die Glotze aus und fangt an, euch eure eigenen Gedanken zu machen. Nehmt nicht alles einfach so auf wie es einem erzählt wird, denn die meisten Leute lügen heutzutage einfach.
Interview: FC
Fotos: Thomas Wasilewski
9 Responses to “Dr. Knarf – Interview”
Leave a Reply




Ilsen on August 18th, 2009
Gutes Interview, auch wenn ich Knarfs Mugge nicht wirklich mag. Sympathischer Typ
David on August 20th, 2009
Ich mag sowohl seine Musik als auch die Art wie er rüberkommt. Ein wirklich sehr sympathischer Mensch.
PatrickDeLuxe on August 22nd, 2009
Diskussionsrunde also
Junuh on August 25th, 2009
Ja lasst mal ne Diskussionsrunde machen!
Ilsen on August 26th, 2009
Najut, dann Diskussion…Warum ist HipHop in Deutschland nur zu Ätzend? Ich sags euch, weil die Leute nur Trends hinterherlaufen und einen auf Dicken machen! Es gibt kaum noch Leute die das mit Herzblut machen, oder?! Ich finde das meiste was neu rauskommt jedenfalls scheiße…
David on August 27th, 2009
Ja, muss ich dir leider zustimmen. Seh ich nämlich ähnlich. Und genau aus diesem Grund hebt sich Dr. Knarf in meinen Augen von dem Groh der anderen “Künstler” ab. Weil er a) keinen Dicken markiert (allerhöchstens mit ner Prise Ironie, Charme und Humor), b) er mit vollem Herzblut seine Musik macht und c) wie auf Tash Pt.II bewiesen stringende und unterhaltsame Konzepte mit inhaltlicher Tiefe und Raffinesse präsentiert. Stellt sich nur noch die Frage: warum bekommt ein Künstler wie Knarf trotzdem sowenig shine und support?!
2RED on August 27th, 2009
David: die Antwort hat der Ilsen über dir schon gebracht:
Stellt sich nur noch die Frage: warum bekommt ein Künstler wie Knarf trotzdem sowenig shine und support?!
Antwort: …weil die Leute nur Trends hinterherlaufen und einen auf Dicken machen! Es gibt kaum noch Leute die das mit Herzblut machen, oder?!
…
Rapresent » Blog Archive » Was geht ab? #4 u.a. mit Snaga & Pillath, Huss & Hodn on August 27th, 2009
[...] Zum Schluss möchte ich noch auf ein interessantes Interview mit Dr.Knarf hinweisen, das ausführlicher nicht sein könnte. Wichtig für alle Fans des Rappers, gibt er auch ein paar Infos über seine Zukunftspläne preis. Toll geführtes Interview von Hamburg Hip Hop. [...]
Link Jump: 27.08.2009 « SchwänzenGäng Blog on August 28th, 2009
[...] Dr.Knarf Interview @ HamburgHipHop.de [...]