Interview: Ryoma

Die Redaktion ist auf dem Weg in die Lutterothstraße, mit ganz großen Umwegen über U2, U3, B5, C4…
Wir wurden zum Grillen eingeladen. Wie sich herausstellte, war es für uns Redakteure im Nachhinein ein Highlight, welches in kommenden Interviews kaum zu schlagen sein wird.
Uns wurde ein fürchterlich leckerer japanischer Kartoffelsalat serviert, gepaart mit einem Haufen Würstchen, Hähnchenfleisch, Schweinesteaks, vielen leckeren Saucen und weichem Ciabattabrot. Dieses köstliche Mahl hat in keiner Weise zur Beurteilung der Platte beigetragen, noch zur verfälschten Positivierung dieses Interviews geführt. Wirklich nicht!
Vielen Dank vorab an den Gastgeber Michi und seine tatkräftige „Küchenhilfe“ Ryo!
HH: Heute sind wir bei den Jungs von Ryoma zu Gast – und zwar nirgendwo anders als in dem für uns (den Redakteuren) schon fast legendären Kochstudio …
…Jungs, stellt euch doch direkt einmal vor.
Algorhythmiker: Ich bin Michi und ja, ich wohne hier.
Ryo: Ich bin Ryo, R-Y-O und bin Gast, und koche auch ab und zu und kenne mich hier in der Ecke kulinarisch doch sehr gut aus. Da vorne ist noch „Schlüter“,ein ganz guter Fischladen übrigens…
(… längere Diskussion beider Parteien über u.a. den Service im „Fischladen nebenan“)
Hamburg Hip Hop: Ryo, du bist gerade erst frisch aus Japan zurückgekommen (Anm.d.Red.: zusammen mit dem Drummer Cornelius Ulrich) – was habt Ihr dort eigentlich „verloren“?
Ryo: Was haben wir dort getrieben – gute Frage. Durch meine „Halb-Japanität“ besteht eine gewisse Affinität zu Japan. Ryoma ist ja auch japanisch – heißt übersetzt „Drachenpferd“. Ich war bereits 2004 für ein halbes Jahr in Japan und habe dort gelebt – diese Reise stand also unter dem Motto „Back in Japan“.
Hamburg Hip Hop: Direkt zum Musikalischen – hast du dir während der „Vorbereitungsphase“ konkrete Gedanken zur Reise gemacht – mögliche Pläne, Besichtungen etc.
Ryo: Wir haben Leute über MySpace angeschrieben, und gefragt , ob wir irgendwo spielen können, wo wir evtl. spielen können, ob DIE evtl. wiederum jemanden kennen, etc. Letztendlich haben wir auf dem Wege sechs Dates raushandeln können. Dann sind wir rüber für dreieinhalb Wochen und haben gespielt. Touristisch waren wir natürlich auch aktiv. Auf unserem Blog auf www.ryoma.de kann man sich das alles immer noch anschauen!

HH: Welche Art von Erwartung schwirrte in euren Köpfen? Vor allem, wie habt Ihr die Leute dazu gekriegt, euch spielen zu lassen?
Ryo: Wir haben denen gleich geschrieben, wir wollen kein Geld, wir sind sowieso vor Ort und wollen einfach nur spielen und sind einfach nur froh wenn wir auftreten dürfen.
Hamburg Hip Hop: Was konntet Ihr von der japanischen HipHop-Szene mitkriegen?
Ryo: In den vergangen Jahren ist die Musikszene in die Richtung J-Pop gegangen. Vor fünf Jahren bei meinem letzten Besuch war Japan in zwei Sparten eingeteilt: zum einen die Jiggy-Läden und die Underground-Läden, wo alles andere lief. Gleiches galt für die Plattenläden. Entweder nur Neuerscheinungen, oder viel aus zweiter Hand.
Wo z.B. vor fünf Jahren zwei japanische Acts in den eigenen Charts vertreten waren, sind es heute durchschnittlich nur noch zwei internationale Künstler, die dort vertreten sind.
Hamburg Hip Hop: Was meinst du, wie das zustande gekommen ist? Ist es ähnlich wie mit unserer „Deutschquote“ die lange im Gespräch war?
Ryo: Es hat vor allem mit der Jugend zu tun, die sich von ihren Eltern und auch für mein Empfinden immer mehr vom Westen „emanzipiert“. Dennoch bleibt es typisch für Japan, dass sie Dinge sehr gut kopieren – „verjapanisieren“ sozusagen. Es fängt bei Musik an, Kleidung, Schriftzeichen etc. Das Original wird in einen japanischen Kontext gesetzt.
Hamburg Hip Hop: Wie ist es dann, für einen internationalen Künstler bzw. ausländischen Künstler Fuß zu fassen?
Ryo: Das gestaltet sich mittlerweile sehr schwierig. Selbst ein DJ Shadow, der im Underground eine feste Größe war, hat es heute definitiv nicht mehr leicht. Da wären wir wieder bei der Emanzipierung – teilweise finde ich es für Japan gut, dass sie ihre eigene Musik machen, andererseits: wenn du ein Label bist, was international agiert, dann würde ich es beunruhigend finden. Ich bin kein Label, ich muss nicht beunruhigt sein, aber wir als Underground-Künstler finden nur noch ein paar Läden von denen, die früher existiert haben.

Hamburg Hip Hop: Erzähl doch mal was über die Auftritte die Ihr hattet – was ging da?
Ryo: Bei Auftritten bekommt man schon einen Einblick in die Mentalität der Japaner. Nach dem Motto, wenn du denen zeigst, oder zurufst, „throw your hands up“ – und die mit Stille antworten, dann hat es nicht viel mit „Abneigung“ oder nicht mögen zu tun, eher mit Schüchternheit. Wenn man Japaner zum Klatschen und Feiern bringt – dann ist es schon etwas Besonderes. Das komplette Gegenteil zu Deutschland, wenn man so will. Natürlich, wenn du ein Pharrell oder Snoop Dogg bist, dann „ticken“ die komplett aus – kaufen die Karten auf, monatelang bevor die Konzerte starten. Da verlieren sie alle Hemmungen.
Der wohl schönste Auftritt hat in einem Kindergarten stattgefunden. Da hat man gemerkt: egal auf welcher Sprache Musik stattfindet, die gehen dazu ab. Haben getanzt, haben die Arme in die Luft gehoben, wenn ich Ihnen was vorgemacht habe. Das war schon echt ein besonderer Moment.
Hamburg Hip Hop: Ein Kinderlächeln, oder eben mehrere – es gibt kaum schöneres.
Themawechsel – wie seit Ihr zu dem Albumtitel „Besser heute“ gekommen? Hat es so etwas von „Was du heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auf morgen“?
Ryo: Ich habe Michi über Buzz-T kennengelernt und wir haben uns immer sonntags getroffen, zusammen gefrühstückt und ein bißchen Musik gemacht. So ist unsere erste EP entstanden. Vor Release der EP bin ich nach Stuttgart und habe dort Sprecherziehung studiert. Im dritten Semester musste ich die Notbremse ziehen. Habe dort länger ein schlechtes Gefühl mit mir rumgetragen und kurz nach Neujahr war es soweit. Ich habe mit Michi telefoniert und den längst überfälligen Schlussstrich gezogen. Bei dem Album hatten wir einen ganz anderen Impuls als noch bei der EP. „Besser heute“ das Zeug zusammenpacken und los…

Hamburg Hip Hop: Wie liefen Produktions- und Aufnahmeprozesse ab, war jeder Track „alpha und omega“-mäßig durchdacht?
Ryo: Ich brösel euch das gerne mal auseinander – „Morgen jemand“ ist naiv und ist die Suche nach der Traumfrau sozusagen – bei „Mobile“ – „Süßholz auf meine Glut“, das ist nochmal die Hoffnung – bei „Bittersüß“ kriege ich voll eine drauf – „Zwei“ ist eine Reprise darauf… Das hat alles schon seinen Sinn. Das kann man raushören oder nicht, wie man eben will. Ich habe versucht, jedem Hörer die Möglichkeit zu geben, der Interpretation freien Lauf zu lassen. Das Album ist total gelebt, wir haben praktisch „wochenlang“ nur aufeinander gelebt. Bis auf den Introbeat auf dem Album stammen Sampleauswahl, Bearbeitung, Texte aus stundenlanger Zusammenarbeit.
Algorhythmiker: Von der ganzen Entstehungsweise ist es echt essenziell, wie der Ablauf dieses Werk beeinflusst hat. Ryo hat ja fast das gesamte letzte Jahr auf meinem Sofa gewohnt, daher waren wir total drin in dem Ding. Ich bin von der Arbeit gekommen, auf dem Tisch ein paar Flaschen Bier von Ryo, Fenster zugezogen und geschlossen und das einzige Licht stammt von seinem Laptop – er war wieder am Schreiben. Das hat uns schon ein gewisses „Klima“ geschaffen und so ist das Album entstanden.
Nicht zu unterschätzen ist zudem das Netzwerk an helfenden Händen auf der Produktionsseite! Durch die Mitarbeit an dem “Pilotfilm”-Projekt und der sehr engen Zusammenarbeit mit Thomas Burhorn, der alle Trompeten auf dem Album gespielt hat und einige Bläserarrangements beitrug, ist ein großes Team entstanden, das jederzeit Lust hatte mitzuarbeiten. Allein deshalb, weil alle die Musik fühlen konnten! Wir brauchen einen Kontrabass auf der Platte? Zwei Telefonate später steht der Aufnahmetermin! So haben über ein Dutzend völlig unterschiedliche Musiker an dieser Platte mitgewirkt. Und von den Schlagzeugaufnahmen abgesehen, für die wir uns ein Studio gemietet haben, ist nie Geld geflossen.
Hamburg Hip Hop: Wie sieht es mit anderen Projekten bei euch aus?
Algorhythmiker: Also ich habe zum Beispiel letztens einige Remixe u.a. für Fiva und Immo gemacht – spiele noch nebenbei MPC in der Band von Thomas Burhorn mit dem Namen Carmen – sein Soloalbum, welches unter dem Pseudonym The Burhorn veröffentlicht wird, habe ich abgemischt und koproduziert – da geht einiges! Die Band war unter anderem für Ursula Rucker Vorgruppe. Während der „Besser heute“-Produktionsphase war ich zudem noch an dem gerade erwähnten Projekt Pilotfilm- beteiligt, welches ein Konglomerat aus Jazzmusikern und HipHoppern darstellt. Ende letzten Jahres wurde in Eigenregie ein Album namens „Built from Sessions“ veröffentlicht. Auch hier habe ich gemischt und koproduziert. Im Vordergrund steht aber zunächst und auch weiterhin, dass das Album „Besser heute“ unter die Leute kommt. Es ist nicht so, dass wir hier sitzen und Däumchen drehen, was unser eigenes Album angeht – Pläne werden fleißig geschmiedet, an keinem Tag wird stillgestanden sozusagen.
Hamburg Hip Hop: Gut dass du es ansprichst – was sind eure Pläne für die nahe Zukunft? Plant Ihr so etwas wie eine Tour mit der „Besser heute“-Scheibe?
Ryo: Wir sind am gucken, ob wir Ende September, Anfang Oktober eine kleine Tour auf die Beine stellen können! Wir würden gerne mit Live-Drummer, Bläser, evtl. Background-Sänger und und und auf Tour gehen – durch Jobs und diverse andere Aktivitäten, fällt es aber ziemlich schwer, alle „unter einen Hut“ zu kriegen. Es bleibt ein wenig abzuwarten, in welchem Rahmen das ganze geschehen wird bzw. kann. Dadurch, dass das Live-Dasein für uns die beste Möglichkeit bietet, um Leute auf uns aufmerksam zu machen, sind Konzerte eine ganz besondere Angelegenheit – wir versuchen immer zu überraschen, um live noch mal eine Scheibe Energie draufzulegen.
Hamburg Hip Hop: Mal was ganz anderes – Thema Labellandschaft in Deutschland. Sie schrumpft immer mehr: Eimsbush, Optik, Deluxe Records, Aggro Berlin haben sich „abgemeldet“. Sind das für euch Anzeichen, dass irgendwann Indies komplett aussterben?
Algorhythmiker: Wobei es bei Aggro Berlin als einziges nichts mit wirtschaftlichen Problemen zu tun hatte. Wir haben eine ziemlich coole Kooperation mit Kopfhörer Records. Wir sind eher so eingestellt, dass wir nicht nach Geld fragen – dass würde bei dieser Art von Musik und um was es uns bei Ryoma eigentlich geht, wahrscheinlich auch gar nicht klargehen. Ich würde dennoch kräftig widersprechen, dass jetzt die Indies aussterben. Die augenblickliche Entwicklung macht es doch für Indielabels immer leichter „einen Fuß in die Tür zu bekommen“ – Werbung übers Internet, MP3-Downloads etc. Man braucht die großen und teuren Vertriebs- und Werbekanäle nicht mehr so dringend wie früher. Ein Majordeal ist unbedeutender heutzutage. Da insgesamt die Verkaufszahlen einbrechen, kann man davon natürlich nicht leben, aber ein sich tragendes Indielabel zu gründen, um seine Musik anderen überhaupt erst anbieten zu können, war nie leichter. Was langfristig daraus werden kann, sieht man zum Beispiel bei Stones Throw. Wie Ryo bereits gesagt hatte, wir konzentrieren uns was die Sales angeht auf die Auftritte. Wenn wir da überzeugend sind, geht schon mal einiges über den Tisch – was nicht bedeutet, dass wir davon Leben. Ich gehe ganz normal arbeiten an der Uni HH und bestreite meinen Lebensunterhalt ausschließlich so.
Hamburg Hip Hop: Wir drücken die Daumen – dass über die Liveschiene noch mehr Leute in Deutschland und Umgebung auf euch aufmerksam werden, dass eure Platte fleißig gekauft und gehört wird und dass wir uns darauf verlassen können, im nächsten Jahr wieder von euch zu hören!
Ein Riesendank an Ryoma, Ryo und den Algorhythmiker, für dass sehr aufschlussreiche Interview in einer fast schon familiären Atmosphäre.
Ryoma – Besser heute ist am 17. April 2009 über Kopfhörer Recordings erschienen. Erhältlich ist die Platte u.a. über Amazon.de
Interview:AG&PS
Fotos:PS
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Ryoma-Interview auf hamburghiphop.de | Kopfhörer Recordings on July 2nd, 2009
[...] online. Bei einem gemütlichen Grillabend standen Ryo und Algorhythmiker Frage und Antwort. HIER geht’s direkt zum Interview! Viel Spaß [...]